FAZIT – Wie ist Alleinreisen als Frau? Würde ich es wieder tun?

FAZIT – Wie ist Alleinreisen als Frau? Würde ich es wieder tun?

Vor der Reise – gute Planung ist das halbe Leben – oder so ähnlch?

Ich habe meine Reise mit der knappen Planungszeit von 1,5 Monaten auf die Beine gestellt. Das ist auch möglich – Wenn man starke Nerven hat!! Falsch gelieferte Reifen, ein Paket das zu spät ankommt oder ein Visum das nur einen Tag länger braucht, weil die Visaagentur verpeilt, dass das Iranische Konsulat freitags zu ist. Dinge die mich Nerven und Tränen der Verzweiflung gekostet haben. Kurz: Es geht, aber ich empfehle es nicht unbedingt!

Diese Reise war meine erste Motorradreise. Dementsprechend hatte ich viele viele, viele Bedenken und Fragen!

An den Antworten möchte ich Euch teilhaben lassen. Vielleicht erleichtern sie einem von Euch den Aufbruch (wohin, womit, wozu auch immer!) oder sparen Euch zumindest Nerven die sie mich gekostet haben.

Aber zunächst mal: Bitte verzeiht mir die rudimentären ersten Berichte! Himmel, die waren ja ein Alptraum! Ich möchte aber doch meinen ich habe dazugelernt und ich kann sagen: Ich bin stolz auf die Entwicklung!

Falls Ihr neugierig seid, stöbert gern mal. Ich habe einiges verändert.

Wenn ich meine Berichte jetzt nochmal lese muss ich lachen. Wie vorsichtig und unsicher ich anfangs im Gelände war und wie selbstsicher ich die schwierigen Passagen später gemeistert habe. Anfangs quälten mich Fragen wie: ‚Was tue ich, wenn ich wenn mich verletze?Auf dem Pamir, eine Woche lang ganz allein, eine echte mentale Herausforderung! (Hier geht’s zum Bericht)

Ich habe mich an (für mich) große Herausforderungen immer auf die gleiche Weise angenähert.  Ein Beispiel einer solchen Herausforderung war der Pamir. Nachdem Michaels Motorrad kaputt war wollte ich ihn nicht fahren. Aus Angst. Ich habe es dann doch getan. Das lief etwa folgendermaßen ab:

„Ich fahre den Pamir auf keinen Fall allein!“

 „Ok ich fahre mal in die Nähe, vielleicht treffe ich wen, der mit mir fährt.“ 

„Hm keiner da. Blöd. Ich will den Pamir aber eigentlich sehen. Ok, ich fahre den Pamir Light, nur ein kleines Stück und lasse das Walkhan Valley aus“

„Ging eigentlich bis hierher. Und der Sand kann ja nicht so schlimm sein. Ach Sch*** drauf, jetzt bin ich so weit gekommen, ich will den ganzen Pamir sehen!“

Fragen und Antworten:

Als Frau, allein? Ist das nicht gefährlich? Diese Bedenken hab ich definitiv schnell abgelegt. Auch in der Männerdomäne der Motorradreisen. Ich finde es allerdings dennoch ein wichtiges Thema!

In den allermeisten Fällen wurde mir mit Neugierde, Respekt, Erstaunen und sogar Bewunderung begegnet. Manchmal lachend und kopfschüttelnd, nie jedoch missbilligend! Manchmal musste ich mich mehr durchsetzen als Männer das vielleicht hätten tun müssen. Wenn es darum ging eine Reparatur so durchzuführen wie ich (als unwissende Frau) mir das vorstelle. Gut, ich bin tatsächlich ziemlich unwissend wenn es um Motorradtechnik geht, aber einige wenige Dinge wusste ich dann eben doch (besser). Wenn es wichtig war, habe ich es immer geschafft mich durchzusetzen.

Mir wurden aber auch häufig Schraubenzieher aus der Hand genommen. Ich kann das als Frau schließlich nicht. Anfangs machte mich das rasend! Mit der Zeit wurde ich entspannter. Ich habe gelernt, dass ich nicht die Welt ändern muss (und kann!). Wenn der Herr im Hostel unbedingt meinen Reifen mit meiner Handpumpe aufpumpen will, bitte! Der Mann kennt die Rollenverteilung nicht anders. Kann ich ihm darauf einen Vorwurf machen? Nein. Man(n) begegnet mir mit Respekt und Toleranz, dann tue ich das auch.

Wie wichtig es ist sich mit den kulturellen Unterschieden auseinanderzusetzen erfuhr ich am eigenen Leib in Tadschikistan auf dem Pamir, nachdem ich es nicht schaffte ein Abendessen und 6 Gläser Wodka an einem Checkpoint auf dem Pamir abzulehnen. Diese Missachtung der für den Herrn Wachmann bekannten Distanz einer Frau hat mir 40 Anrufe an einem Abend und ein fragwürdiges Angebot seines Cousins eingebracht (Details dazu hier)! In Gefahr war ich zu keinem Zeitpunkt.

Den Spagat zwischen Höflichkeit und Distanz fand ich manchmal wirklich schwierig! Dieses Problem haben Männer vermutlich weniger. Wie distanziert kann ich sein ohne unhöflich zu wirken? Wie höflich kann ich sein ohne falsche Signale zu senden?

Im Iran gelang mir das besser, zu einem hohen Preis, wie ich fand. Teeeinladungen habe ich als Frau allein meistens abgelehnt. Schade, denn Gastfreundschaft und Respekt spielen in der persischen Kultur eine sehr wichtige Rolle!

Eine weitere Vorsichtsmaßnahmen die ich traf: Ich habe nie allein bei männlichen Couchsurfern angefragt. Nicht aus Angst mir könnte etwas passieren, sondern aus Sorge die kulturellen Regeln zu missachten und in Erklärungsnot zu geraten. In weiten Teilen Europas habe ich diese Vorsichtsmaßnahme allerdings nie ergriffen. Ob das nun unfair ist, oder pauschalisiert, ja gar rassistisch? Ich weiß es nicht.

Eine Grenzüberschreitende Erfahrung hatte ich aber doch. Als ich in der Türkei bei einem Freund eines Bekannten, den ich kurz vorher kennenlernte, übernachtete (Details dazu hier). Derselbe aufdringliche Mann hat aber an dem Abend nach meinem Unfall weinend neben mir im Krankenhaus gesessen, weil er sich die Schuld an meinem Unfall gab. Wäre ich nicht ‚bloß schnell weg‘ früh morgens aus seinem Haus aufgebrochen, wäre der Unfall vielleicht nie passiert, so sagt er. Dieser Mann hat mich ebenfalls jeden Tag im Krankenhaus besucht und Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit die Polizei zur Anzeige ausnahmsweise ins Krankenhaus kommt. Es gibt häufig 2 Seiten der Medaille, Facetten einer Person. Trotzdem: „No means no!“

Ist allein Reisen etwas für mich?

Es klingt vielleicht komisch, aber ich mag alleinreisen eigentlich nicht unbedingt. Wenn mir Fahrradreisende, die teilweise tagelang allein zelteten von der ‚schönen Stille und Abgeschiedenheit‘ erzählten, war mein erster Gedanke: „Was für ein Alptraum!“. Tatsächlich war ich nicht häufig allein und wenn, war es irgendwie trotzdem ok. Ich habe an den unmöglichsten stellen, zum Beispiel auf den entlegensten Schotterpisten im Iran, Leute getroffen. Das kann man allerdings natürlich nicht planen und ob das die Regel ist oder ich einfach Glück hatte, weiß ich nicht. Fakt ist, eine gewisse Unsicherheitstoleranz gehört einfach dazu.

Schaffe ich das ohne jemals einen Feldweg gesehen zu haben? Ohne Fridolin jemals mit Gepäck gefahren zu haben? Ist der Start in der Mongolei ein Harakiri Programm? Und wie funktioniert überhaupt dieses im Stehen fahren?

Zugegeben: Was andere in Offroad-Trainings lernen, lernte ich mit blauen Flecken und einem Adrenalinspiegel, der so manchen Arzt vielleicht beunruhigt hätte. (Sand, Sand, Sand. Nein, ich hatte NICHT immer Spaß!).

Nie werde ich vergessen, wie Micheal bei meiner ersten Flussdurchfahrt mit mir im Fluss stand (und es war kalt!) um Fridolin aufzuheben, falls er fällt. Er fiel. Ihr könnt Euch also vorstellen wie stolz ich war, als Michael mich nach einer Woche Reise, nach einer Spritztour mit Fridolin fragte wie zur Hölle ich mit dieser Federung so flink durch‘s Gelände wuseln könnte.

Eine Motorradreise ohne jegliches technisches Know How? Was mache ich, wenn ich eine Panne habe?

Dieser Umstand war da schon eher beunruhigend, als meine nicht existente Fahrerfahrung – allerdings eher in meinem Kopf!

Fridolin hat offenbar eine außerordentliche Vorliebe in der Wüste kaputtzugehen! Dennoch: Für jedes Problem gab‘s eine Lösung und häufig war die umständliche Lösung eine tolle Erfahrung! Eines haben alle besuchten Länder und Wüsten gemeinsam: Die Menschen sind unglaublich hilfsbereit!

Was ich hätte vermeiden können:

  • Eine verlorene Mutter incl. Distanzstück der Hinterachse in mongolischer Wüste, hätte ich Fridolin gewartet. Eine Angelegenheit die mir bei 100 Km/h einen deftigen Sturz hätte bescheren können. Aber die Mongolen wussten Abhilfe. Wie? Seht selbst.
  • 9 Stunden und 400 Km mit Fridolin auf einem Kirgisischen Truck in der Kasachischen Wüste. Wenn ich Montierhebel und Flickzeug dabeigehabt hätte (und in der Lage gewesen wäre diese anzuwenden) hätte ich mir das ebenfalls erspart. Dennoch – eine Erfahrung um die ich dankbar bin. Hier seht Ihr warum.
  • 2 Stunden warten auf einen Transport für mich und Frido in brütender Hitze in usbekischer Wüste. Wieder hat der Montierhebel gefehlt. Hierlang geht’s zum Bericht.
  • Bei der durchgebrannten Kupplung bin ich nicht sicher. Ich habe das Kupplungsspiel nie kontrolliert. Möglicherweise hätte ich es dadurch verhindern können. Aber ich bin andererseits auch eine Vollniete im Sand und habe Fridolin durch so einige Sanddünen geprügelt! Das gefiel ihm gar nicht.

Würde ich es wieder tun?

Definitiv! Nirgends habe ich das Hier und Jetzt so bewusst wahrgenommen wie auf Reisen. Ich liebe alles am Motorradreisen, all seine Entbehrungen und Strapazen die es mit sich bringt! Ich bin dankbar für die Erfahrung meines einmaligen Abenteuers.

Werde ich es wieder tun?

Nicht in den nächsten Jahren. Nach 5 Monaten privatem Abenteuer freue ich mich nun genauso auf berufliche Herausforderungen.

Dennoch:

Nur 2 T-Shirts in 5 Monaten? Überall und jederzeit Staub, dreckige Hände wann immer ich mein Motorrad anfasse? Keine Dusche? – Kein Problem, wenn ich dafür in der Stille der mongolischen Wüste zelten kann, den Frauen in Afghanistan zuwinken oder der Natur mit all ihren Eigenheiten so nah sein kann. Ich liebe Enduro fahren und daran haben auch 25 Stürze nichts geändert. Auch ein unachtsamer Baggerfahrer in der Türkei (Sturz Nr. 25.) nicht. Diese Reise hat mich viel mehr bereichert, als mir das Humpelbeinchen (das ja heilt) rauben kann.

Dankbarkeit ist unbezahlbar.

Ich kann niemals allen tollen Menschen, die ich getroffen habe gerecht werde, aber hier ein Auszug erinnerungswürdiger Begegnungen (in der Reihenfolge, wie ich sie kennenlernte):

Da ist die Crew des Oasis aus Deutschland in Ulaanbaatar, die mich mit Ihren Zweifeln verunsicherte und meinen Willen es „jetzt erst recht“ zu schaffen damit stählerte. Die mir zunächst mit sexistischen Witzeleien, später mit Respekt begegneten.

Da ist Michael aus Deutschland der mir zeigte, dass sich Gegensätze ergänzen können. Dass Unterschiedlichkeit bereichern kann. Der Zuversicht unter den Zweiflern spendete. Der Geduld, Bedächtigkeit und unzählige Male der Hilfe aufbrachte.

Da ist Jörg aus Deutschland der sich von der Oasis Crew durch Respekt und Hilfsbereitschaft absetzte. Der mir einfühlsame Worte spendete  als ich zur standesamtlichen Hochzeit meines Bruders nicht da sein konnte.

Da sind Rafael und sein Dad Hans aus der Schweiz. Die Vertrauen und Gutherzigkeit bewiesen, als sie mir 500$ in die Hand drücken. „Cate, Du hast zu wenig Geld für den Iran. Zahl es irgendwann zurück“. Die mir mein neues Lieblingswort „Töfli“ beibrachten.

There is David from Hungary who gave me emotional support at the end of my power. A husband and father with a golden heart and a loyal soul only very few people have. He picked up Fridolin endlessly and constantly reminded me: „Cate you are not a Cactus, you need to drink more!“

There is Omar from France/Morocco. That man who showed me that affection doesn’t need a warm-up. That I can also follow, not only lead. That dominance and empathy work fine together creating a wonderful person. That there are people who share my values and ideas of life.

Da ist Lukas aus der Schweiz. Eine Begegnung die nur wenige Minuten dauerte. Dessen erste Worte zu mir waren: “Du hast Dein Handy verloren? Da kann ich Dir helfen. Ich hab 2. Schick’s mir einfach zurück, wenn Du wieder in Deutschland bist”.

Da sind Serkan und Erkan aus der Türkei/Deutschland die mich hinter Bakus Fassade führten und mir zeigten, wie man sich mit nichts als eisernem Willen und Aufrichtigkeit ein Neues Leben schafft. Meine Phönixe aus der Asche.

C’è Roberto del Italia chi mi ha introdotto nella cultura iraniana con tutta la sua finezza. Chi ha condiviso il suo amore e la sua stima per l’Iran con me.

Da ist Karsten aka „Mutti“ aus Deutschland der mit meisterhafter Lyrik, einem offenen Ohr und unzähligen Gesprächen über Verflossenes uns Zukünftiges ein unentbehrlicher Teil der Tiflisfamilie war.

Da ist Fabian aus der Schweiz. Ein Mann der zu seinem Wort steht und dessen erster Satz nach meinem Unfall war: „Wo bist Du, ich komm zu Dir.“ Der mir gezeigt hat, dass wenige verlässliche Worte wertvoller sind als viele leere, dass Understatement und Selbstsicherheit wunderbar harmonieren und dass manche Dinge Zeit brauchen.

Da sind Selim und Syfa aus der Türkei, die mir die Herzlichkeit und türkische Gastfreundschaft in Zeiten der Not zeigten und mich jeden Tag im Krankenhaus besuchten.

Danke.

3 thoughts on “FAZIT – Wie ist Alleinreisen als Frau? Würde ich es wieder tun?

  1. seyfettin çoban

    beautiful story my sister thank you

    1. Cate

      Thank you Seyfa! I am happy you like it! Thank you for being there for me when I was in hospital!

  2. Sehr schön geschrieben…. Gerade die Erlebnisse mit anderen Reisenden machen doch viel aus. Ob man nun jemanden Hilft oder selbst Hilfe bekommt, irgendwie kommt alles wieder zurück.

    Hoffe mit deiner Genesung geht es weiterhin gut voran.
    Grüsse aus der Schweiz

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