Georgien – Belastungstest: Eiseskälte und Dauerregen – Teil II

Georgien – Belastungstest: Eiseskälte und Dauerregen – Teil II

Statistik:

Tiflis – Udabno – Sighnagi – Tiflis – Omalo – Shenako – Tiflis – Kazbeki – Gori – Kutaisi – Abastumani.

Pannen:

Rasseln im Motor (Steuerkette?), linke Vorderradgabel undicht, Wackelkontakt am Licht (seit Kasachstan, hier allerdings in anspruchsvollen Offroadpassagen im dunkeln ein Problem).

Fallquote (in den vergangenen Berichten leider etwas vernachlässigt):

24 Mal.

Nachdem Robert und ich ein wenig überraschend nun als Duo unterwegs sind, brechen wir auf nach Diklo. In ein wunderschönes altes Dorf aus alten Holzhäusern und Steintürmen. Die Fahrt dorthin ist abenteuerlich. Versehentlich nehmen wir einen Wanderpfad (hier sieht auch alles gleich aus!) und haben unsere liebe Mühe an einem zu steilen und zu schmalen Hang umzukehren. Im Gemeinschaftsprojekt drehen wir beide Motorräder um. Glücklicherweise haben wir kein Gepäck dabei! Ich bin im Anschluss, nach der Lebensmittelvergiftung und 4 Tagen ohne Nahrung, völlig ausgelaugt, aber zu sturr zum Umkehren. Robert entgeht das nicht, er sagt aber nichts und wartet geduldig als wir in Mopsgeschwindigkeit durch Diklo schleichen.

Als wir am nächsten Tag nach Tiflis aufbrechen ist der Himmel tief verhangen. Es ist kalt. Unsere Sicht reicht bei der Abfahrt teilweise weniger als einen Meter und der Nebel schluckt jedes Geräusch. Die Herden auf der Straße sehen wir erst spät. Besonders in den steilen Kurven ist das abenteuerlich! Als der Himmel aufbricht bietet sich uns ein faszinierendes Bild aus Nebel und in Sonne getauchten weiten Tälern.

In Tiflis (die 3.) angekommen, frage ich mich ob wir Fabian im Hostel wiedertreffen. Wie begegnet man Jemandem der zu verstehen gibt er habe genug von deiner Gesellschaft?

Im Hostel ist die ganze Tiflisfamilie noch da. Wieder bleibe ich ein paar Tage. Ich brauche nun wirklich einen neuen Hinterreifen und lasse auch endlich mein Licht reparieren das seit Kasachstan kaputt ist. Die diversen Sandwichfahrten im dunkeln haben mir gereicht!

Fabian ist im selben Hostel und bietet an mich zum Reifenhändler, den er als Ergebnis des gestrigen Tagesprojekts (Georgien halt) gefunden hat, und zur Werkstatt zu begleiten. Ich bin skeptisch, verstehe den Sinneswandel nicht, nehme das Angebot aber an.

Die nächsten 3 Tage verbringen wir (alla täglich grüßt das Murmeltier!) gemeinsam bei Reifenhändlern und in Werkstätten…ach ja und im Baumarkt:

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Unsere neuen Werkzeugbehälter! Salatdressingflaschen und alte Motorradschläuche.

Robert und mein nächstes Ziel sollte eigentlich Georgiens 3. höchster Berg Kazbek (5033m) sein. Das Wetter ist miserabel und wir warten auf Sonne. Fabian überlegt nochmal mitzufahren. Irgendwann beschließen wir: Morgen ist Abfahrt.

Morgen: Monsun. Klasse! Egal, ich will jetzt los, zur Not allein! Robert beschließt nicht mitzufahren. Er muss einen Flug in Istanbul erwischen (und er hat keinen Bock auf Monsun). Schade. Fabian und ich fahren trotzdem. Zur Belustigung der kopfschüttelnden Tiflisfamilie. Ich verabschiede mich mit schlechtem Gewissen von Robert. Zum Glück werden wir noch oft voneinander hören.

Nach 3 Stunden in strömendem Dauerregen bei 5 Grad machen wir halt an einer Bergraststätte. Ich denke ‚mir ist kalt‘ bis ich Fabian sehe. Zitternd, mit blauen Lippen in seiner Sommerkombi. Ich habe Mitleid und prompt ein schlechtes Gewissen, war es doch meine Idee trotz strömendem Regen loszufahren! Meine Sorgen machen alles allerdings schlimmer und werden offenbar eher als Degradierung männlicher Belastbarkeit wahrgenommen als wohlwollend. Das soll ich aber erst später herausfinden. Gemeinsam Reisen kann manchmal halt anstrengend sein. In diesem Fall beruht das sicher auf Gegenseitigkeit.

Wir schaffen es erst am nächsten Tag nach Kazbeki (heutiger Name Stepanzminder) und freuen uns wie Schneekönige die Kälte überstanden zu haben. Wenn wir wüssten. Den Kazbek besteigen wir erst am darauffolgenden Tag.

Was einfach begann, sollte mich noch an meine Kälte–Belastbarkeitsgrenze bringen. Mit Zelt und Schlafsäcken bepackt wollen wir am ersten Base Camp zelten und morgen zurück. Wir treffen auf eine Gruppe Israelis auf Tageswanderung und laufen gemeinsam. Ich werde gleichmütig aufgeklärt, wie viel in Israel über den Holocaust gewitzelt wird. Darüber können Deutsche im allgemeinen eher NICHT lachen. Mir bereitet dieses Thema fast physisch Schmerzen. Als würde ich persönlich Schuld und Schande auf meinen Schultern tragen (Gut, den aktuellen Rechtsruck der Bundestagswahl betrachtet fast berechtigt, aber das ist ein anderes Thema).

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Unsere israelischen Wandergefährten

Als wir uns verabschieden sind wir fast da, so dachten wir…

Kurz vor dem ersten Base Camp, welches keines ist, rutsche ich aus und trete in einen Eisbach. Fabian grinst. Witzig, es ist arschkalt man! Da stehe ich nun also mit triefend nassen Schuhen im Schnee. ‚Kein Problem, wir sind ja gleich da‘ sage ich mir. Oder auch nicht.

Hisilicon Balong

Der Eisbach (am nächsten Morgen)

Fürs Protokoll: Was jetzt folgt ist meine Idee.

Wir treffen auf die Italiener Enrico und Luigi, die uns mitteilen das echte Base Camp sei noch so 1,5 Stunden entfernt auf dem Gletscher auf 4000 Höhenmetern. Meine Neugierde ist geweckt. ‚1,5 h schaffe ich noch mit nassen Füßen.‘ Fabian ist skeptisch.

Aus den 1,5 Stunden werden 3 Stunden Tiefschneewanderung im windigen Schneegestöber. Wir ignorieren das Warnschild: „Ab hier bitte nur in Seilschaft weiter“.

2 Stunden später: Ich möchte mich am liebsten hinsetzen und heulen. Mir tun meine Füße so unendlich weh! Meine Schuhe sind eingefroren, nicht bildlich, sondern tatsächlich. Es hilft nichts. Hier im Tiefschnee können wir nicht bleiben, wir müssen zum Base Camp. Ich ärgere mich über Fabians konsequentes ignorieren meines (dürftigen!) Klagens. Er ist sicher genauso genervt. Er hat in seinen Sneakers auch nasse Füße, sagt aber nichts. Wird Leid nicht erträglicher, wenn man es teilt? Offenbar nicht in seiner Welt‘ denke ich mürrisch. Für ihn macht Klagen keinen Sinn, wenn man die Situation eh nicht ändern kann.

Als meine Wasserflasche 3 Meter –auf fast 4000 Metern und nach 8 Stunden, 3 lange Meter!- bergab purzelt, fällt der Satz „Jetzt dreh bitte nicht durch“. Wir streiten jetzt hoffentlich nicht denke ich. Fabian holt meine Wasserflasche, ich drehe nicht durch. Ich schmunzel später noch oft über diesen Satz.

Wenn Ihr das bis hierhin seltsam fandet, wartet ab…

Am Base Camp ankommen, setzen wir uns zum Aufwärmen in die Stube der Wachleute. Wir haben es geschafft. 4000 Höhenmeter.  Ich habe keine Kraft für Ankommensfreude.

Jeder weiß was passiert, wenn eingefrorene Gliedmaßen auftauen: Sie tun weh! Damit habe ich gerechnet, nicht jedoch damit wie schlimm es wird. Trotz der Gesellschaft fühle ich mich allein. Auf mein Schluchzen und Zittern hin packt mich einer der alkoholisierten Wachleute kurzerhand und setzt mich auf ein Bett im Nebenraum. Ich solle meine nasse Strumpfhose ausziehen. Er sieht mich an und wartet. ‚Wie jetzt? Bleibt er da stehen?‘. Mir ist gerade alles egal, bloß der Schmerz soll aufhören. Und so sitze ich eine Minute später nur im Slip bekleidet (Ok, Pullover etc. habe ich natürlich noch an) vor dem Wachmann, der meine Füße mit Wodka einreibt und sie schließlich unter seinen Pullover an seinen dicken Bauch hält (schreibe ich das gerade wirklich in diesen Bericht?), während mir sein Kollege ein halbvolles Glas Wodka reicht. Danach lassen sie mich allein. In Decken gehüllt, mit Tee und Wodka in der Hand sitze ich zitternd im Bett und heule. Ich bin die einzige Frau hier und die einzige die heult. ‚Das ist nicht die Rolle, die ich einnehmen wollte!‘ denke ich verärgert. Ich möchte im Boden versinken!

Später berichtet mir Fabian ich solle mir keine Sorgen machen, die Situation hätte „absolut nichts attraktives an sich gehabt“ und demnach wäre es egal wie leicht bekleidet ich vor dem Herrn Wachmann saß. Es ist auch eigentlich egal. Ich bin diesem Mann sehr dankbar. Meine Zehen sollen auch so noch 2 Tage wehtun.

Wir beschließen nicht zu campen, sondern im Base Camp auf der Pritsche zu schlafen. Zum Glück, denn mir ist bei -10 Grad im Camp schon schweinekalt. Draußen wären es -18 Grad gewesen!

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Der nächste Morgen entschädigt für alle Strapazen! Um 5 geht der Wecker nach einer kalten und (zumindest für mich) eher schlaflosen Nacht. Ein rosafarbener Sonnenaufgang, trockene Füße und in der Sonne glitzernde Bergwipfel begleiten uns 4 Wanderer beim Abstieg.

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