Georgien – Mein bester Freund, der erste Gang – Teil I

Georgien – Mein bester Freund, der erste Gang – Teil I

 

Vor dem Unfall…

Statistik:

Tiflis – Udabno – Sighnagi – Tiflis – Omalo – Shenako – Tiflis – Kazbeki – Gori – Kutaisi – Abastumani.

Pannen:

Rasseln im Motor (Steuerkette?), linke Vorderradgabel undicht, Wackelkontakt am Licht (seit Kasachstan, hier allerdings in anspruchsvollen Offroadpassagen im dunkeln ein Problem).

Georgien ist das Land mit den meisten Erste-Mal-Erfahrungen auf dieser Reise: Nirgends bin ich so oft im strömenden Regen und bei Nacht gefahren, nie so viele Schotterhänge im ersten Gang hochgeklettert.

Meine erste Anlaufstelle ist Tiflis (die 1.). Die 3 Tage in Armenien konnten mir den Geruch und den Geschmack des Irans noch nicht nehmen. Ich bin noch nicht bereit für „Europa“ und plötzlich mittendrin: Geschäftigkeit, Infrastruktur, Touristenströme, Kapitalismus.

Das ist "Mutti". Hostelvater und einfach eine gute Seele!
Das ist „Mutti“. Hostelvater und einfach eine gute Seele!

Ich verstecke mich im Hostel. Im „Why Not Hostel“ in Tiflis finde ich mein kleines Reisezuhause mit viel Herzlichkeit und gemeinsamen Abendessen. Ich werde in den nächsten 4,5 Wochen oft hierher zurückkommen.

Kaum angekommen, muss ich auch schon wieder los. Heimaturlasub. Mein Bruder Maurizio heiratet in Deutschland. Fridolin bleibt in Tiflis. Vom Motorrad an den Herd zur Hochzeitsvorbereitung und zurück. 2 Anpassungen die mir zunächst beide (besonders Erstere!) völlig misslingen! Ich fühle mich fehl am Platz in meinem Zuhause. Komisches und für mich ungewohntes Gefühl.

Tiflis die 2.: Ich bringe Fridolin auf Vordermann. Ölwechsel, alle (ok alle die ich finde) losen Schrauben festziehen, Kette reinigen, Gepäckträger nach vorn zur Soziusfußraste abstützen. Hier ein kleiner Eindruck der georgischen Arbeitsweise:

Nach 4 Tagen bin ich fertig. Mein erstes Ziel ist Udabno in Kachetien. 72 Km, 3 Stunden. Asphaltiert sind in Georgien nur die Hauptstraßen. 72 Km und aus der Großstadt wird Wüste. Wahnsinn! Genau das Richtige für Offroadfans wie mich. Nach 3 Wochen Heimaturlaub ist das Gefühl meines tanzenden Hinterrads im tiefen Schotter herrlich! Wie habe ich es vermisst!

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Wenn das Hinterrad tanzt, strahlt die Seele – Freiheit, Du hast mich wieder!

Auf dem Weg besichtige ich mal eben David Gareja, ein orthodoxes Kloster. Liebe Enduristen, falls Ihr jemals mal eben David Gareja besichtigen wollt: Lasst Eure Endurostiefel und Kombi am Motorrad! Ich bin in voller Montur bei 30 Grad 1,5 Stunden geklettert – zur allgemeinen Belustigung aller weiteren Touristen.

Als ich Fridolin wieder erreiche steht ein weiteres Motorrad neben ihm. Leider ohne Fahrer. ‚Soll ich warten?‘  Ich beschließe: Ja. 40 lange Minuten und viele irritierte Passanten später treffe ich auf Robert aus den USA. Wir haben beide weder feste Routen noch Zeitpläne und beschließen gemeinsam durch Georgiens Wüste zu fahren. Aus geplanten 2 Tagen werden 3 gemeinsame Wochen.

Wir zelten im Wüstengarten eines Hostels und brechen am morgen früh auf. Es soll der letzte frühe Aufbruch in den kommenden Wochen sein. Wir fahren nach Sighnaghi. Angeblich gibt es einen „geheimen“ Weg dorthin. Keine Straße und vorbei an verlassenen Felsenklöstern. Unsere Wegbeschreibung dorthin:

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Hinter der Brücke links (Brücke nicht gefunden), am leeren Flusslauf entlang (auch nicht gefunden), über 3 Hügel (möglicherweise gefunden), an einem ca. 8 Km langen Feld entlang (ah!), immer auf die spitzen Berge zuhalten („welche nehmen wir, die östlichen oder die westlichen?“) und dann über die Brücke (irgendwann gefunden!).

Tatsächlich treffen wir keine Seele auf den 80 Kilometern und 8 Stunden, außer ein paar Wildjägern, die uns eindringlich vor „Jumping snakes who attack Trucks“ warnen. Aha.

Meine auf 2 mm abgefahrenen Heidenaus (die schon im neuen Zustand Mist für Piste sind!) lassen die sandige Fahrt eher eine lustige Rutschpartie werden. Die Szenerie ist traumhaft. Eine rot-gelbe Miniwüste mit verlassenen in den Fels gehauenen Klostern und einer Stille, wie sie nur die Wüste hergibt. Der Zustieg zu den Klostern fällt eher unter Bergsteigen. ‚Wie haben die das früher gemacht?‘ Frage ich mich. Aus Angst vor den ominösen „Jumping snakes“ lassen wir unsere Endurostiefel an. Wir sehen keine einzige Schlange und aus sonst kein Tier.

In dem kleinen Örtchen Sighnaghi treffen wir auf den Schweizer Fabian. Ich hatte ihn und seinen noch Reisebegleiter im Hostel in Tiflis kennengelernt. Wenn Ihr dachtet ich sei planlos! „Wie, im Iran kann man kein Geld abheben?“ O-Ton Fabian. Ab jetzt sind wir ein Trio, wie es unterschiedlicher kaum sein könnte. Robert als zurückhaltender und trotzdem redseliger Beobachter der sich gern anpasst, Fabian, selbstsicher und introvertiert – ein Mann weniger, aber verlässlicher Worte, der sich ein wenig eigenbrötlerischen für alles Mögliche begeistern kann und ich als extravertierte, meist gut gelaunte Quasselstrippe, die mit Jedem schnell ins Gespräch kommt. Na, ob das gutgeht?

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Parken im Wohnzimmer des liebevoll geleiteten Hostels „Angelina Koko“. Angelina (Foto) macht noch fast alles selbst!

Wir wollen „eine anspruchsvolle Piste“ (so heißt es) rauf nach Omalo fahren und dort wandern, bevor die den Pass für den Winter sperren, entscheiden uns aber einen Umweg über den Nationalpark Vashlovani an der Aserbaidjanischen Grenze zu machen.

Als wir in den Nationalpark ankommen ist es bereits Nachmittag. Die Sonne steht tief über den wilden Feldern und färbt die Landschaft golden. Wir haben keine Eile, genießen die Stille, denn auch hier treffen wir keine Menschenseele.

Wir erreichen unseren Zeltplatz als es dämmert. Hier angekommen treffe ich auf meinen ganz besonderen Freund: Den Husky. Aus einem mir nicht erklärlichen Grund hat er einen Narren an mir gefressen. Schon als wir ankommen springt er an Fridolin hoch, rennt um mich herum. Das tut er sonst bei Keinem.

DER HUSKY
Mein Freund der Husky

Was ich erst niedlich finde, nervt mich als er sich beim Zeltaufbau auf ebendieses legt und sich durch nichts davon abbringen lässt seinen neuen Liegeplatz aufzugeben. Nur mit Hilfe von Robert und Fabian kann ich mein Zelt aufbauen. Spätestes aber als wir (der Husky und ich) am kommenden morgen, unter Fabians amüsiertem Blick, um das Essen auf dem Kocher wreslen und beide, inklusive Essen, auf dem Boden landen, bin ich echt genervt. Fabian lacht sich schlapp, kettet den Hund auf meinen wütenden Blick hin aber schließlich an.

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Am nächsten Tag wollen wir zurück nach Sighnaghi. 11 Uhr, unsere stetige Aufbruchzeit als Trio. Auf Erkundungstour durch Flussbetten bin ich die Einzige die sich mehrfach langmacht. Flussbetten und ich stehen einfach auf Kriegsfuß! Das war schon auf dem Pamir so. Diese großen, losen Steine sind wirklich nicht meins und mein abgefahrener Hinterreifen hilft nicht unbedingt.

 

 

 

Meine größte Herausforderung des Tages soll allerdings noch kommen. Es gibt hier im Nationalpark immer mehrere Trampelpfade in mehr oder weniger die gleiche Richtung. Fabian schlägt vor einen steilen Hang auszuprobieren. ‚Der sieht verdammt steil aus‘, denke ich. Wenn ich länger darüber nachdenke, fahre ich da nicht hoch, das weiß ich. Also fahre ich kurzerhand einfach los. Ok, der Hang sieht nicht nur steil aus, er ist verdammt steil! Mein Packsystem, Ausführung Nr. 5, erweist sich als äußerst untauglich als mein Vorderrad die Bodenhaftung verliert und unkontrolliert hin und her springt. Das Gewicht ist zu weit hinten. Nach vorne lehnen, aufstehen hilft nicht. Anhalten? No Way! Und so stürze ich ungebremst auf die Seite.

Fabian und Robert fahren an mir vorbei. Wenn man nicht vorhat wie ich mit dem Gesicht zu bremsen, ist anhalten hier nicht drin. Zitternd hebe ich Fridolin auf. Ich bin unfähig aufzusteigen. ‚Ich komme an dem steilen Hang nicht hoch ohne dass er umfällt‘ denke ich. Fabian kommt runtergelaufen und hält Fridolin von hinten fest. Auf Fridolin sitzend, ein Bein am Boden, eins in der Luft bin ich gelähmt vor Angst. So stehen wir da sicher eine Minute, bis ich endlich losfahre. Diesmal ohne Gepäckrolle, die trägt Fabian.

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DER Hang. Mein Gesichtsausdruck sagt nur eins: Angst.

Wir haben noch ein paar weitere seitlich abfallende, nach oben oder unten steile Hänge vor uns. Ich krieche sie rauf und runter. Mein Adrenalin für den Tag ist vermutlich ausgeschöpft, als wir erschöpft wieder in Sighnaghi ankommen. Nach der einen Flasche Wein zu 3., habe ich das Gefühl ich hätte 3 Flaschen allein getrunken. Wir wanken ins Hostel. Morgen ist Ruhetag.

Die Piste nach Omalo ist tatsächlich anspruchsvoll. Geröll, steil, Schafherden und Gegenverkehr mit atemberaubender Aussicht. Der erste Gang, mein bester Freund. An das Sliden in Kurven gewöhne ich mich langsam, ja, es macht fast Spaß…wäre die Klippe nicht ständig zugegen. Ansonsten macht sich Fridolin hervorragend in diesem Terrain. Nur als es dunkel wird, werde ich nervös. Ich habe mein Licht seit Kasachstan nicht reparieren lassen. Meine Sorge stößt bei den Herren auf wenig Verständnis. Wir haben kein Essen, wir können nicht Campen. Punkt. So fahren wir also als Sandwich weiter über Stock und Stein. Robert vorweg, ich dicht hinter ihm und Fabian wiederum dicht hinter mir.

Am Guesthouse angekommen, stelle ich fest, dass ich kaum noch Benzin habe. Mist! Im Hostel hatten sie mir gesagt, hier oben gäbe es keins. Glücklicherweise treffen wir auf eine gut gelaunte, laute und sehr herzliche Gruppe Russen, die mit Motorrädern und Auto hier sind. Sie stellen mir am nächsten Tag ohne großes Tamtam meinen Kanister voll mit Benzin aus ihrem Auto vor die Nase. So sind sie die Russen! Ich habe nicht mal mitbekommen wie sie ihn füllten!

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Ausblick vom Guesthouse in Omalo

Unter den Motorradfahrern der Gruppe ist auch eine Frau mit ihrer DR650. ‚Endlich eine Frau, die das hier fährt!‘  freue ich mich. Enttäuschung und Stolz ringen um die Oberhand, als ich erfahre, die Strecke sei ihr zu gefährlich gewesen. Ihr Freund fuhr ihr Motorrad. Ich frage mich: ‚Hätte ich dasselbe getan, hätte ich die Möglichkeit gehabt? – Nein. Auf keinen Fall!‘

Unsere geplante Wandertour verschieben wir für einen Tag. Ich habe mir den Magen verdorben. ‚Nicht wild‘, denke ich anfangs. Wir brechen nachmittags auf zu unserem Zeltplatz in den Bergen, machen ein Lagerfeuer und kochen ein spärliches Abendessen.

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Am Zeltplatz. Langeweile? Wir doch nicht!

Ich fühle mich gewappnet für die Wanderung. Grandiose Fehleinschätzung! Die „Wanderung“ mutiert zu einem Spaziergang und streckt mich dennoch für die nächsten 3 Tage nieder. Ungeplant halten wir im winzigen Shenako. Unsere Motorräder und Zelte stehen noch, wo wir sie morgens verließen. Ich liege mit Lebensmittelvergiftung und Schüttelfrost im Bett, während Fabian und Robert Zelte und Motorräder, auch Fridolin, holen. Ich bin dankbar, wenn auch ein wenig überrascht, als die beiden nicht aufbrechen und 3 Tage mit mir hierbleiben. Die Stimmung ist dennoch seltsam… und still.

Als ich am 3. Tag wieder unter den Lebenden weile, beschließen Robert und ich die Gegend zu erkunden. Fabian verlässt uns kurz angebunden. Er fährt einen Tag früher nach Tiflis. Ein Wiedersehen ist nicht geplant. Robert und ich bleiben irritiert zurück.

Wie Robert und ich eine abenteuerliche Abfahrt bei einem Meter Sichtweite über den Pass meistern, ob wir Fabian wiedersehen und wieso ein betrunkener Wachmann meine Füße mit Wodka einreibt erfahrt ihr bald hier!

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