Der Pamir. Kein Mensch. Eine Woche lang. – Teil I

Der Pamir. Kein Mensch. Eine Woche lang. – Teil I

Statistik:

(Almaty – Togtogul – Osh) – Karakul – Murgabh – Bibi Fatima – Chorog

Pannen: Öl – Leckage an der Vordergabel (in Dushanbe den Metallring der Dichtung verkürzt und wieder eingefügt), Träger gebrochen (Episode 2)

Fallquote:

1 Mal

Leider werdet Ihr in diesem Bericht kaum Fotos finden. Ich habe meine Gopro inclusive aller Speicherkarten mit allen Fotos (ohne Backup) verloren. Die Bilder Stammen von David den Ihr im nächtens Pamir – Bericht kennenlernen werdet.

Ich verlasse Almaty um 06:30 Uhr zusammen mit Hans und Raphael. Vor mir liegen 542 Km und zwei Bergpässe. Ich fahre nun seit 5 Tagen allein. Ich überquere die Grenze nach Kirgistan in der Mittagshitze. Der Grezübergang erfolgt problemlos. Kaum 200 Meter in Kirgistan werde ich von der Polizei angehalten. Ich habe wohl ein Stoppschild (in einer mit Betonwänden versehenen Einbahnstraße ohne Kreuzverkehr?) überfahren. Tatsächlich, da ist ein Schild. Vor der Kirgisischen Polizei wurde ich gewarnt und angehalten so zu tun als ob ich nichts verstünde. Diese Herren sprechen leider englisch. Ich Frage nach dem Sinn des Schildes und ob sie Touristen immer auf die Art im Land wilkommenhießen. Die Beamten diskutieren angeregt. Ich weigere mich zu bezahlen. Nach einer Minute darf ich weiterfahren ohne bezahlt zu haben. Unvermittelt wirft einer der Beamten die Hände in die Luft und ruft „Welcome to I love you!“ Aha. Ich habe noch ein gutes Stück vor mir und mache mich wieder auf.
Langweile kommt auf der langen Tagesetappe schon allein wegen der miserablen Fahrweise der Kirgisen (in einem 3 Km langen unbeleuchteten (!), pechschwarzen Tunnel mit Schotter und Schlaglöchern überholen?- klar, wieso nicht!) nicht auf. Diese Tunnel in denen man die ersten 200 Meter ungefähr nichts sieht als Schwarz tun ihr Übriges mein Adrenalinlevel konstant hoch zu halten.

Ich zelte am Togtogul Lake mit einem russischen Ehepaar, die den Pamir mit erwartetem Nachwuchs gefahren sind. Das schöpft Hoffnung, dass ich ihn auch allen fahren kann.

Am nächten Morgen lasse ich mir Zeit in der Annahme heute nur knapp 200 Km zu fahren. Leider habe ich nicht bemerkt, dass mein Handy die Route durch Usbekistan führt, statt in Kirgistan zu bleiben. Typisch Cate. Dementsprechend lang wird mein Fahrtag in der Hitze. Bei über 35 Grad in voller Montur zu fahren ist ungefähr so wie im Schwitzanzug in der Sauna zu sitzen während einem jemand einen Fön ins Gesicht hält. So zumindest stell ich mir den Saunabesuch im Schwitzanzug vor. So macht Motorradfahren Spaß. Ich erreiche Osh um 19:30 Uhr mit immer noch 32 Grad Außentemperatur. Ich übernachte im „Osh guest house“ bei Nurlan dem liebenswürdigen Kirgisen, der fließend Deutsch und Englisch spricht. Zum ersten Mal bin ich umrundet von Backpackern und nicht mehr von Motorradfahrern. Ein Komisches Gefühl. Ich bin die einzige Motorradfahrerin. Schade, ich hatte gehofft ich finde jemanden der ebenfalls den Pamir fährt.

Michael sitzt derweil in Almaty und wartet auf seine Ersatzteile. Er hat beschlossen den Pleullagerschaden zu reparieren. Ich habe keine Sorge, dass er das schafft, ich hoffe nur die Teile lassen nicht ewig auf sich warten. Wir planen uns in Usbekistan zu treffen und dann gemeinsam weiter in den Iran zu fahren. Er ermutigt mich den Pamir allein zu fahren. Er sagt ,wenn ich die Gobi geschafft habe, schaffe ich auch den Pamir. Ich hoffe er hat recht…

Am nächsten Tag habe ich meine lieben Probleme die vorher nach Osh bestellten Reifen montieren zu lassen. Es ist Sonntag und während alle Kirgisen arbeiten, hat die Schweizer Werkstatt in der meine Reifen liegen Wochenende. Da ich aufgrund des Turkmenistan Visums nach wie vor im Zeitdruck bin kann ich nicht bis Montag warten. Glücklicherweise erklärt sich Oybek, der Angestellte der Werkstatt, nach langem hin und her bereit die Reifen auch am Sonntag aufzuziehen. Dass die Ausländer (in diesem Fall seine Schweizer Vorgesetzten) am Wochenende nie an ihr Handy gehen, kann er nicht verstehen. Zu Fridolins neuen Schuhen bekommt er auch noch ein neues Distanzstück, damit ich die Kettenspannung endlich richtig anpassen kann. Distanzstück die 3. sozusagen. Ich bin die letzten 1000 Km mit ungleichem Spannerabstand und dementsprechend mit schräg eingebautem Rad gefahren. Das hatte zur Folge, dass mein Rad in der Kurve gern mal woandershin wollte. Kein schönes Fahrgefühl. Ging irgendwie trotzdem.

Der Pamir <3
Nach nur 4 Tagen in Kirgistan reise ich am kommenden Tag bereits in Usbekistan ein. Man könnte die Etappe Auf der Jagd nach dem Turkmenistan Visum“ nennen. Völlig unnötig, wie ich in ein paar Tagen herausfinden soll. Ich starte um 07:00 Uhr. Mich erwarten 300 Km, davon 100 Km Offroad, ein Grenzübergang, und ein Kopfüber Abstecher von Fridolin und mir im Graben. Allein auf weiter Flur. Die Straße bis zur Grenze ist noch gut. Mit dem Betreten von tadschikischem Boden, kann man sich vom Asphalt weitesgehend verabschieden. Eigentlich genau was ich will, aber ’schaffe ich das allein?‘ Die 50 Km nach der Grenze verdienen den Namen Straße eigentlich nicht. Sand, ausgewaschene Gräben, steile Schlamm-Hänge(es regnet). Ich werde nervös. Ich frage mich ob ich mein Motorrad überhaupt allein aufheben kann. Ausprobiert habe ich es nicht. ‚Was wenn ich einen Platten habe?‘ Einen Montierhebel habe ich nicht. Geschweige denn ein Rad jemals allein montiert. ‚Was tue ich wenn ich mich verletze?‘ Hinter mir an der Grenze stand niemand um nach Tadschikistan einzureisen und es ist bereits Nachmittag. Es kommt also keiner. 2 Km Später sehe ich einen Krater zu spät und lande kurzerhand unsanft auf der Nase. Ich wette ich hätte den Sturz vermeiden können, wäre ich mit Konzentration statt besorgt sein beschäftigt gewesen. Weit und breit kein Mensch, kein Dorf, es regnet. Ich versuche Fridolin, der fleißig Benzin verliert, aufzuheben, aber mit Gepäck, dem Lenker im Graben und dem Rad in der Luft habe ich keine Chance. Zunächst ist also abpacken angesagt. Eine halbe Stunde lang ziehe, zerre, schiebe (und fluche) ich am Motorrad bis es so liegt, dass ich eine Chance habe es aufzuheben. Zwischendurch muss ich immer wieder Pause machen. Auf 4000 Metern ist die Aktion im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Im Nachhinein bin ich für diese Erfahrung dankbar. Ich weiß nun, dass ich Fridolin allein aufheben kann. In dem Moment jedoch war ich eher verzweifelt. Was geschah danach? Einen Kilometer später treffe ich auf den im Radius von 50 Km einzigen Checkpoint. Mir tut zwar alles weh, wäre aber doch alles gar nicht so schlimm gewesen. Ich muss wohl etwas abgemüht aussehen und werde von Raul erst mal zum Tee und Brot eingeladen.
Die nächsten 45 Km fahre ich wie auf rohen Eiern. Die Strapazen werden allerdings mit dem 4020 Meter hoch gelegenen, wunderschönen Karakul Lake, belohnt. Einen Touristen habe ich heute nicht getroffen.

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Davids Aufnahme
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Davids Aufnahme

Der Nächste Tag bringt mich auf gut fahrbarer Straße in 150 Km nach Murghab (3600m). Die 2 Pässe über 5000 Höhenmeter sind für mich und Fridolin kein Problem. Ich bewundere die 3 Radfahrer die mir entgegenkommen. Bei den steilen Hängen ist für sie viel schieben angesagt. In Murghab angelangt will ich eigentlich weiterfahren. Ich stehe im Regen am Checkpoint. Nichts Passiert. Nach einer gefühlten Ewigkeit werde ich reingerufen. Für mich stehen ein Teller und Tee bereit. Ich habe zwar schon gegessen und will angesichts des Wetters eigentlich weiter, setze mich aber trotzdem „nur kurz“ dazu. 7 „tschut tschut“ („nur ein bisschen“) Wodka aus Tassen und eine Stunde später fahre ich dann doch nur ins 8 Km entfernte Dorf zurück. Meine Versuche nach Wodka Nummer 2 die kommenden abzulehnen waren erstaunlich erfolglos. Mein Einwand ich müsste noch fahren hielt Samir, der Beamte, offenbar für völlig nichtig. Samir schreibt mir noch seine Nummer auf, falls ich irgendwo Probleme hätte. Als er dann nach meiner Fragt, kann ich schlecht ablehnen.

Das Schwierigste für mich bei solchen Einladungen ist ein adäquates Höflichkeitslevel zu finden, welches zwar höflich, aber nicht zu höflich ist. Leider gelingt mir das nicht immer. Dass ich auf Reisen eigentlich immer verheiratet bin hilft manchmal nicht. Samir ruft mich an diesem Abend noch 40 Mal an.
Mit dem Alkoholkonsum wird die Idee geboren nicht nur den eigentlichen Pamir Highway, sondern auch die Südroute entlang der Afghanischen Grenze (das Wakhan Valley) zu fahren. Eigentlich wollte ich das allein nicht machen, da es eine abgelegene, anspruchsvolle Offroadpiste mit Sandpassagen und steilen Pässen sein soll. Ich versuche es aber trotzdem. Tatsächlich begegne ich in den 2 Tagen Walkhan Valley keinem Touristen und komme auf den ersten 250 Kilometern auch an keinem Dorf oder Menschen vorbei.

Die Erfahrung ist für mich einzigartig! Ich fahre über schneebedeckte Pässe, durch Hagel, Sturm und über steile Geröllhänge. Die Fahrt macht richtig spaß, ist aber (allein) auch Respekt einflößend. Besonders die Sandpassagen lassen mich aufgrund meiner Fallquote in der Mongolei nervös werden. Hier ist das etwas anderes: 2 Meter Sandpiste und dann hunderte Meter Abgrund. Passieren tut aber nichts.

Ich übernachte die erste Nacht als einzige Touristin in Bibi Fatima und freue mich am kommenden Abend in Chorog im Hostel auf Leute zu treffen die eine Sprache sprechen die ich beherrsche. Die Fahrt nach Chorog dauert nur deshalb so lang weil ich mein Handy verliere und es verzweifelt suche. Den Beitrag über diese schöne Geschichte der Hilfsbereitschaft findet Ihr hier.

In Chorog bleibe ich 2 Tage. Ich brauche eine Fahrpause und muss meinen gebrochenen Träger erneut schweißen lassen.

 

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