2 Wochen mongolische Nomadin: Eine Jurte, kein Wasser, keine Privatsphäre

2 Wochen mongolische Nomadin: Eine Jurte, kein Wasser, keine Privatsphäre

Nach ziiiemlich stressigen letzten Vorbereitungstagen („Wie, Sie können mir meinen Pass nicht zusenden, weil das iranische Konsulat zu ist?! Ich fliege übermorgen!“ und so weiter…) bin ich nun tatsächlich da. Ich bin in der Mongolei! Ich stehe vor einer Jurte im Nirgendwo. 3 Autostunden holprige Piste von der nächsten „Straße“ und Ortschaft entfernt. Hier gibt es NICHTS außer 3 Jurten, Ziegen, Pferden, Kühen und Jacks und Steppe, sehr viel Steppe. Chimge und Chimbat haben mich hergebracht. Sie sind meine deutschen Vermittler für den 1. Tag und vom WDR Cosmo organisiert. Hätte ich diese 2 Wochen nicht bei WDR Cosmo gewonnen, ich glaube ich hätte mich nicht getraut dieses Abenteuer anzutreten.

Ich sehe meine Gastgeber Davaa und Dalumaa. Sie wirken freundlich. Verständigen könne wir uns allerdings nicht: Sie sprechen kein Wort Englisch. Hier werde ich also die nächsten 2 Wochen verbringen. Ohne fließendes Wasser, ohne Toilette, ohne Supermarkt, ohne Unterhaltung und…ohne Privatsphäre, denn die Jurte besteht nur aus einem „Raum“.

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Davaa (rechts) und Dalumaa (links). Sie nannten mich ihre „Verlorene Tochter“ bis zu meinem Abschiedstag an dem ich nach Ulaanbataar zurück fahren sollte. Nach 2 Wochen traditioneller Tracht war der Anblick von mir in dem Kleid ungewohnt. Davaa’s Kommentar: „Wie siehst Du denn aus? Das ist nicht meine Tochter. Bring sie zurück!“

 

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Meine Gastfamilie lerne ich als unfassbar herzliche Menschen kennen. Sie wohnen mit ihren 2 jüngsten (von 6) Söhnen und Familie in 2 Jurten. Ihr ganzes Leben schon. Jede Jurte besteht aus einem Raum in dem praktisch alles stattfindet. Schlafen, Wohnen, Kochen, Waschen, Essen. Es ist auch immer Jemand da. Privatsphäre?- Fehlanzeige! Die „Toilette“ ist wurde extra für mich errichtet. Sie besteht aus einem Loch im Boden welches hüfthoch mit PVC Folie als Sichtschutz umspannt wurde. Über dem Loch liegen 2 Balken zum drauf stehen. Mein erster Gedanke: ‚Warum um alles in der Welt mache ich das hier nochmal? – Ach ja, ich wollte meine Komfortzone verlassen…aber gleich so weit?!‘ Mein stetiger Gedanke: ‚Hoffentlich halten die Bretter!‘ Aber ich rufe mir auch ins Gedächtnis wie der 60 jährige Davaa diese Konstruktion extra für mich zusammenzimmert. Wirklich sehr lieb!

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Die eigens für mich errichtete Toilette…da bekommt das Sprichwort: „Mir friert der Arsch ab“ eine ganz neue Bedeutung…

Meine größten Herausforderungen:

1. Zwei Wochen ohne jegliche Privatsphäre und ohne Kommunikation. Erkenntnis: Man kann trotz ständiger Gesellschaft einsam sein.

2. Wo ziehe ich mich um? – 1. Versuch: Draußen. Ich wurde beim Verlassen der Jurte argwöhnisch begutachtet und kam mit Gras in den Socken zurück. ‚Klasse ich bin die geborene Nomadin‘. Später überreicht mir Dalumaa einen Mantel unter dem ich mich in der Jurte umziehen konnte. Hm ok.

 

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Chimge und ihr Bruder Chimbat. Meine beiden deutschsprachigen Vermittler am ersten Tag.Die kommenden 2 Wochen werde ich sie nicht sehen.

Wo wasche ich mich? – 1. Versuch draußen. Ebenfalls unter Argwohn. Später stellen mir meine Gasteltern eine Schale mit warmem Wasser hin und beobachten was ich tue. An Tag 3 überwinde ich mich und bitte sie ihre Jurte kurz zu verlassen.

Schlafen!! Schlafen auf einer Holzpritsche wenn 50cm neben Dir jemand sitzt und fern sieht (der fernsehen steht an meinem Kopf), ein Kind füttert, redet oder wenn im Bett gegenüber geschnarcht wird.

Sit in auf mongolisch
Sit In auf mongolisch. Das Rechts wo der Herr in Blau drauf sitzt ist mein Bett.

Ein typischer Nomaden-Tag

06:00 Uhr Frühstück. Für mich gnädiger Weise Brot mit Schmand und Zucker, dazu Milchtee. Üblicherweise auch gern Reste des Abendessens die dann im Milchtee aufgewärmt werden.

06:30 Uhr Kühe und Jacks melken (mit der Hand versteht sich). Die Stuten werden nur im Sommer gemolken, dafür alle 2 Stunden.

08:00 Uhr Zusammentreffen zum 2. Milchtee. Die Nomaden trinken praktisch kein Wasser sondern nur Michtee. Die Hoffnung bei spartanischer Nomadenkost abzunehmen kann ich mir bei 5% Fettanteil der einzigen Flüssigkeitsquelle wohl abschminken.

08:30 – 09:30: Milch aufkochen um Milchtee und Joghurt zu produzieren.

09:30 – 14:00 Uhr Zusammensitzen in der Jurte, Fernsehen, Mittagsschlaf (mich ausgenommen). Die Jurten sind inzwischen mit Autobatterien ausgestattet, die über Sonnenreflektoren geladen werden. Daher gibt es eigentlich in jeder Jurte einen Fernseher und Licht.

14:00 Uhr Essen Vorbereiten: Nudelteig vorbereiten, ziehen lassen, in schmale Streifen schneiden. Getrocknetes Hammelfleisch in Wasser aufweichen. Das alles in einen riesigen Wok und auf dem mit Jackmist beheizten Ofen garen (das stinkt im übrigen überhaupt nicht).

15:00 Uhr Mittagessen. Das getrocknete und aufgeweichte Hammelfleisch ist tatsächlich genießbar, wenn auch seltsam. Zum Glück, die nächsten 2 Wochen esse ich nichts anderes. Die größte Umstellung ist allerdings der tägliche Fleischkonsum als Solches. In Deutschland esse ich kein Fleisch. Schlürfen ist bei den Nomaden übrigens völlig normal. Gleiches gilt für alle Körpergeräusche. Jederzeit, überall.

16:00 Uhr: Die Schafe und Ziegen werden zusammengetrieben und Jungtiere dessen Mütter keine Milch haben bei anderen Muttertieren versorgt.

17:00 Uhr: Zusammentreiben der Kühe und Jacks. Die Jungtiere werden in ein Holzgehege gesperrt, damit die Muttertiere morgens Milch zum melken haben.

18:00 Uhr Abendessen vorbereiten. Wahlweise selbiges wie das Mittagessen. Ich habe aber auch Reis (1X), gefüllte Teigtaschen (mit getrocknetem Hammel) und Fleisch-Mehlbrei Suppe gegessen.

19:00 – 22:00 Uhr (ca.) Feierabend: Zusammensitzen, fernsehen.

22:00 Uhr Joghurt mit Zucker. Plötzlich horchen alle auf. eine Kuh hat 3 mal gemuht beim 4. mal springt der Sohn auf und läuft mit Taschenlampe nach draußen. Sonst so gemütlich kann ich jetzt kaum dem Tempo der Taschenlampe folgen. Ein Kalb wurde geboren.

00:00 Uhr Schlafenszeit. Dawaa und Daluma schlafen seit 40 Jahren zusammen auf einer 90cm Holzpritsche mit einer ca. 10 cm. dünnen Auflagematte.

Die 2 Wochen waren für mich eine „leave the comfort zone“ Erfahrung ersten Grades. Ich bin unendlich fasziniert von dem einfachen Leben in völligem Einklang mit der Natur. Die Nomaden verbrauchen keinerlei Plastik. Wo soll es auch herkommen? Sie gehen respektvoll mit Natur, Tieren und mit ihrer Gemeinschaft um. Dawaa und Daluma haben sich so viel zu erzählen (häufig haben sie auch über die tollpatschige westliche Tochter gelacht), dass ich ihnen manchmal fasziniert zugesehen habe. Diese 2 Menschen verbringen 24 Stunden zusammen seit 30 Jahren und lachen und quasseln als hätten sie sich 2 Wochen nicht gesehen. Ich finde es unglaublich schade, das ich mich mit ihnen nicht verständigen konnte. Ich bin sicher ich hätte sehr viel mehr von ihnen lernen können!

Trotzdem bin ich heilfroh als die 2 Wochen vorüber sind. An die mangelnde Privatsphäre und das Schweigen konnte ich mich am wenigsten gewöhnen. Ich werde diese Erfahrung nie vergessen und denke noch oft an meine kleine Gastfamilie. Leider werde ich sie vermutlich nie wiedersehen oder hören. Ich kann sie ja schlecht anrufen und mich mit Händne uns Füßen verständigen. Hm außer sie haben irgendwann einen Internetanschluss. Jetzt beginnt mein persönliches Abenteuer auf dem Motorrad. Ich hatte 2 Wochen keinen Kontakt zur Außenwelt und hoffe mit dem Motorradtransport, Zoll etc. hat alles geklappt.

6 thoughts on “2 Wochen mongolische Nomadin: Eine Jurte, kein Wasser, keine Privatsphäre

  1. Hans

    Hallo Cate,
    Du müsstest die Reisebegleitung von Mikel sein!? Hoffe Du hast die Weiten und die Ruhe der Mongolei etwas genießen können.
    Ist Dein Motorrad schon angekommen? Wünsch euch eine schöne Heimfahrt. Ich flieg in vier Wochen in die Mongolei.
    Viele Grüße und immer eine handvoll Luft in den Reifen.

    Gruß

    Hans

    1. Cate

      Hi Hans,

      ja die bin ich, bzw war ich. Micha hat nen Motorschaden. Ich fahre seit Kasachstan allein und breche übermorgen (vermutlich) auf den Pamir auf. Nach einem Platten und einem gebrochenen Rahmen etc hab ich da hoffentlich eine Pannenpause. Woher kennst Du den Micha?

      Herzliche Grüße,

      Cate

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  4. Paul

    Sali Cate
    ich bin am rumstöbern über Motorradreiseberichte und durch Zufall auf deine Geschichten gestossen. Ich muss sagen es ist fantastisch wie es dir gelingt einem mitzunehmen. Ich plane selber wieder eine Reise . Bisher war ich immer in Mittel und Südeuropa unterwegs aber nun ist es an der Zeit etwas im Osten zu entdecken. Du hast mich neugierig gemacht.
    Ich wünsche dir viele neue schöne und spannende Reisen , und dass du deine herzerfrischende Art nicht verlierst. Denn ich glaube du bist eine gute Botschafterin des Westens.
    Und wenn es dich nicht Gäbe müsste man dich erfinden.
    Pass gut auf dich auf .

    1. Cate

      Hallo Paul,

      danke für die lieben Worte. Lange hat hier alles geruht (deshalb antworte ich auch erst jetzt 🙂 ) aber in 3 Wochen geht es daran die Reise zu vollenden. Ich werde erneut in die Türkei fahren – und zurück.
      Ich freue mich megamäßig, wenn meine Berichte Dich weiter animieren und motivieren! Wenn Du Fragen hast, melde Dich gerne..ich gelobe auch schneller als in äh..6 Monaten zu antworten!

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